Das Aqua in Wolfsburg

Restaurant AQUA _credit Uwe Spörl

Charlottes Besteckkultur • Zu Tisch bei Deutschlands Besten


Warum sollte man sich eigentlich in diese merkwürdige, futuristische Autostadt in Wolfsburg begeben, wenn man weder ein Auto kaufen will noch großartig Interesse Autos hegt? Nun, einen Grund gibt es da. Und noch dazu einen ziemlich guten: Hier, inmitten dieses Vergnügungspark der Fortbewegung, in dieser Wunderwelt des Automobils, befindet sich Deutschlands aktuell bestes Restaurant. Untergebracht im sagenhaft luxuriösen Ritz-Carlton, zaubert Sven Elverfeld hier seit Jahren auf allerhöchstem Niveau. 2009 erhielt er drei Sterne, mit der Souveränität eines kulinarischen Altmeisters verteidigte er diese allerhöchste Auszeichnung der Gastronomie Jahr für Jahr behände, mit Leichtigkeit und bravouröser Ruhe.

Aqua_The Ritz-Carlton, Wolfsburg_credit Gary Schmid

Dabei sieht das Restaurant auf den ersten Blick nicht unbedingt nach Deutschlands Topadresse aus. Nüchtern und reduziert, bewusst einfach gehalten. Ein Fauxpas? Im Gegenteil, wie sich wenig später herausstellen wird: Es ist ein cleverer Schachzug, der die Konzentration einzig und allein auf das Spektakel auf den Tellern lenkt. Und da gibt es im Laufe des Menüs so viel zu sehen, zu riechen, zu schmecken, dass man eh keine Augen mehr für irgendwas anderes hat.

Sven Elverfeld Restaurant AQUA _credit Uwe Spörl

Dass Sven Elverfeld ein größer Künstler ist, daran lassen ja allein seine Bewertungen keinen Zweifel. Es ist dennoch beeindruckend und fesselnd, wie er hier in Wolfsburg Hochküche inszeniert. Elverfeld ist kein Magier, der mit Rauch und Spiegeln arbeitet und mit möglichst viel Schein auf dem Teller beeindrucken will. Er stellt ein erstklassiges Produkt in den Vordergrund – und widmet sich ihm bis zur Vollendung. Mit viel Liebe zum Detail, einem prächtigen Sinn fürs Visuelle und einer angenehmen Unaufdringlichkeit geht er zu Werke. Und entlockt seinen Zutaten ganz und gar Erstaunliches.

Wir entscheiden uns für das große Menü, fühlen uns beim angenehm natürlichen Service unter Leitung des kapitalen Maître Jimmy Ledemazel sofort gut aufgehoben. Hier wird weder forcierte Coolness noch übertrieben servile Ehrerbietung geboten – es wirkt echt, ehrlich, herzlich. Ein Gläschen Champagner, dann geht es los. Die Gänseleber mit Trauben und Ziegenfrischkäse ist ein fein ausbalancierter Auftakt nach Maß, nicht zu süß, nicht zu mächtig. Der Fluss-Saibling kommt angenehm herzhaft und bodenständig mit Frankfurter grünen Kräutern, Senf und Ei, dekoriert von Saiblingskaviar für einen angenehm salzigen Akzent. Traditionell und handwerklich perfekt. Zwei weitere Fischgänge (Forelle mit Lauch, Mandel und Himbeere sowie Wolfsbarsch, ganz klassisch mit Bohnen und Speck samt überraschender Vanillenote) folgen, danach ein erstes gewaltiges Highlight: Bouchot Muscheln und Kalbskopf mit Romanasalat, Curry, Paprika-Lardocreme und Pecorino schicken auf eine fast schon übersinnliche Reise. Wer jemals gesagt hat, Essen sei nicht sexy, der muss nur einen Bissen von diesem Gang nehmen, um eines Besseren belehrt zu werden.

AQUA_Kirschen mit bengalischem Pfeffer & Gewürztagetes – Heu, Nussbutter & Roggen_credit Wonge Bergmann

Und genau so geht es weiter: Die gesottene Müritzer Lammzunge samt Lammbries ruht in einem Tomatenspiegel, der aussieht wie ein Gemälde. Taubenbrust, Rohmilchkäse mit einer erlesenen Auswahl von gleich drei Montilla Morilles-Weinen aus Andalusien, das unverzichtbare Champagner-Cremesorbet im Boden einer Champagnerflasche oder Kirschen mit bengalischem Pfeffer, Heu und Nussbutter: Die Genüsse nehmen hier kein Ende. Ebenso wenig die vorzügliche Weinauswahl des ungemein belesenen Sommeliers Marcel Runge, der seinen Beruf mit der Passion eines wahren Überzeugungstäters betreibt – und uns Stunden später glückselig und tief beeindruckt zurücklässt.


Aqua
(Restaurant Ritz-Carlton)
Parkstraße 22
Wolfsburg
www.restaurant-aqua.com


Charlottes-BesteckkulturCharlotte Luther isst nicht, um zu leben. Sie lebt, um zu essen. Aufgewachsen als Tochter eines Sternekochs, saß sie Augenzeugenberichten zufolge schon als Kleinkind im Hochstuhl, schlürfte Austern und knackte Hummer munter mit dem Hammer. Heute lebt und arbeitet die Pfälzerin als Redakteurin in Stuttgart und hat es sich zur Aufgabe gemacht, die schönsten, besten, ungewöhnlichsten und spannendsten Restaurants des Landes exklusiv für www.dasbestederregion.de zu entdecken und von ihren lukullischen Erfahrungen zu berichten.