Im Portrait: Jürgen Tekath

Der Selfmade-Glückliche


Es gibt Menschen, die das Besondere im Einfachen entdecken. Die spüren, wenn ihnen eine Chance begegnet. Die nicht alles können, aber vieles wagen. Und denen es gelingt, ihre Umgebung mit der persönlichen Begeisterung zu infizieren. Jürgen Tekath gehört dazu. Ein unkonventioneller Unternehmer mit siegessicherem Bauchgefühl.

Seine Intuition ist unbezahlbar. In Mannheim schätzt man die Fußspuren des Kreativkopfs, der immer wieder neue Wege eingeschlagen und damit in vielen Nischen frische Akzente gesetzt hat. Weil er ein schönes Café vermisst hat, eröffnete er das Flo am Wasserturm. Das war vor knapp 20 Jahren. Heute ist das Stückchen Frankreich unter den Arkaden am Friedrichsplatz ein atmosphärischer Anziehungspunkt, der ein ganzes Quartier gleichsam erschlossen und geprägt hat.

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Das Lido war schon vorher da. Aber erst Jürgen Tekath hat es umarmt und aus dem alten Eiscafé mit der Patina aus schönen Erinnerungen ein niedliches Café gemacht, in dem sich der Duft der Vergangenheit mit dem Geist der Gegenwart vereint. Mit dem Speicher 7 hat er sich dann selbst übertroffen. Aus dem ehemaligen Kornspeicher am Hafen hat er 2013 ein Refugium gezaubert, das kurz nach der Eröffnung in London mit dem European Hotel Design Award ausgezeichnet wurde. Für Tekath und seinen alten Weggefährten Thorsten Kraft die Bestätigung ihrer stilprägenden Pionierarbeit. Ein weiteres Abenteuer in einer unglaublichen Biografie.

Doch verweilen wir kurz im Speicher – denn weg will man hier ohnehin nicht mehr. Zusammen mit dem Architekturbüro Schmucker & Partner haben Tekath und Kraft 20 Zimmer mit einem lässigen Charme ausgestattet, den man – wenn man auf Schubladen steht – als Industrial Chic oder Vintage Living definieren könnte. Nach 20 Jahren Leerstand hat Tekath den schlafenden Riesen leidenschaftlich wachgeküsst. Liebevoller geht es nicht. Hier wird nicht schnöde übernachtet, sondern nobel existiert. Das prägende Gebäude ist eine architektonische Landmarke aus den 50er Jahren, deren markante Stilelemente mit viel Gespür in die neuen, modernen Zimmer und Lounges integriert wurden. Durch große Panoramafenster ist der Rhein beinahe greifbar. Man fühlt sich wie in einem Schiff, das langsam flussaufwärts gleitet. Tekath hat aus einer schmucklosen Randlage eine neue Mitte geschaffen. Die Terrasse am Wasser ist das schönste Sonnendeck der Stadt.

Das schlichte, aber durchweg luxuriöse und hoch charismatische Interieur ist eine Sammlung aus Klassikern, Fundstücken und zeitgenössischen Akzenten. Retrospektive Fußnoten und Moderne Signaturen in perfekter Harmonie. Die individuelle Einrichtungs-Collage lebt von einer Prise Zufall. Jedes Ausstattungsdetail ist sorgfältig ausgewählt. Eine Konstante in allen Zimmern sind die handgefertigten Naturbetten von COCO-Mat. Wer sie einmal genossen hat ist für jede andere Liaison ein für allemal verdorben. Schlafen als Meditation.

Jürgen Tekath war nicht immer auf Rosen gebettet. Aufgewachsen in einfachen Verhältnissen mit fünf Brüdern, verschlug es ihn aus Bamberg nach Worms und dann weiter nach Mannheim, wo er sich heute heimisch fühlt. Mit 21 Jahren eröffnet er seinen ersten Blumenladen – im Gepäck ein kleines Praktikum, eine angefangene Lehre und eine Überdosis Naturtalent. Fast wäre er damit gescheitert. Doch Tekath hört auf seinen Instinkt unnd geht weiter in die Offensive. Als Florist erobert er den guten Geschmack seiner Kunden und die prominentesten Lagen der Stadt. Mit der Boutique Makassar hat er ein neues Genre erfunden: Mode, Wohnen, Accessoires und Blumen unter einem Dach. Seit 1993 eine Fundgrube für schönes und Rares aus der ganzen Welt. Seine langjährige Freundin Dorothee Schumacher hatte ihm irgendwann ihre erste T-Shirt-Kollektion vorbei gebracht. Heute ist die Modeschöpferin international erfolgreich, zeigt sie ihre Kollektionen auf internationalem Parkett.

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Auch Jürgen Tekath ist über Mannheim hinausgewachsen. Für Boss hat er auf der Berlin Fashion Week die russische Botschaft mit seiner Blumenkunst veredelt. Auch Mailand hat schon angeklopft. Doch Mannheim ist und bleibt die „kleine Weltstadt“, in der er sich entfalten kann.

Geblüht hat es häufig am Rande seines Lebenswegs. Auffällig sind sein Bewusstsein für den Moment und die Freude an den schönen Dingen. Wenn Kunden und Gäste strahlen, dann scheint für ihn die Sonne. Als spontaner Macher und leidenschaftlicher Querdenker bleibt er eine Marke, die sich dennoch niemals selbst kopiert. Als schöpferische Seele und kreativer Kopf gibt er die Richtung vor, ohne den Wert einer guten Entourage zu verkennen. Alle wichtigen Positionen sind mit Freunden besetzt. Mit ihrer Unterstützung konnte er seine Visionen ausleben. Das Glück war immer sein Verbündeter.

Jürgen Tekath ist 56. Und bleibt neugierig. Er genießt die unberechenbare Dynamik des Lebens. Alles bleibt im Fluss. Pläne werden nicht alt. Über die weitere Biografie entscheidet er spontan. Ein Speicher voller Leben.

www.speicher7.com


Text: Thomas Tritsch